Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel: Was sind überhaupt Kultur und kulturelle Unterschiede?
Da ich hier nicht insgesamt auf Kultur eingehen kann, nutze ich die Definition von „Kultur ist die Kommunikation von Werten und Verhaltensmustern innerhalb einer Gruppe von Menschen, die sich durch gemeinsame Erfahrungen und Normen verbunden fühlen.“ Edward T. Hall, Beyond Culture (1976)
Zu Beginn ist mir ganz wichtig, ausdrücklich zu sagen, es geht in diesem Artikel nicht um einzelne Menschen persönlich, sondern immer um Verhaltens- und Kommunikationsweisen, die man typischerweise in einer Gruppe Menschen oder in verschiedenen Ländern findet. Eine fremde Kultur bedeutet nicht, dass jeder Mensch dieser Kultur genau gleich ist. Doch sie bestimmt die Regeln, wie diese Menschen interagieren. In diesem Artikel erfahren Sie Grundlagen der interkulturellen Kompetenz.
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Was ist der kulturelle Unterschied zwischen direkten und indirekten Kommunikationsstilen?
Wenn Sie international kommunizieren, merken Sie schnell: Nicht überall auf der Welt wird gleich gesprochen. In manchen Ländern sagen Menschen ganz direkt, was sie meinen. Andere drücken sich eher indirekt aus. Diese unterschiedlichen Stile kann man in High Context und Low Context Kommunikation einteilen. Jede Art ist dabei respektvolle Kommunikation; sie wird lediglich anders definiert.
Wenn wir diese Kommunikationsstile verstehen, können wir effektiv Missverständnisse vermeiden – besonders in der internationalen Kommunikation. Aber was genau steckt dahinter?
Was bedeutet Low Context Kommunikation?
In einer Low Context Kultur ist Kommunikation klar, direkt und offen. Was gesagt wird, ist genau das, was gemeint ist. Dabei stehen die Worte im Mittelpunkt und sind wörtlich zu nehmen. Das heisst, wir müssen nur wenig zwischen den Zeilen lesen, denn üblicherweise das meiste wird ausgesprochen (nochmals der Hinweis, es geht nicht um die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen).
Welche Länder haben Low-Context-Kulturen?
Typische Beispiele für Low Context Kulturen sind:
- Deutschland
- USA
- Schweiz
- Skandinavische Länder
In diesen Ländern ist es üblich, die Aussagen direkt wörtlich zu verstehen. Man achtet auf klare Aussagen. Eine übertriebene Höflichkeit oder ein Umschreiben kann als störend gesehen werden. Auch in beruflichen E-Mails oder Meetings ist der Kommunikationsstil oft sachlich und zielgerichtet. Dies kann anderen Menschen dominant und unhöflich vorkommen.
Zum Beispiel: Wenn ein deutscher Kollege sagt „Das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend“, meint er genau das – nicht mehr und nicht weniger.
Hier eine Liste von Aussagen und wie sie verstanden würden:
Die Lieferung kommt zu spät. – Die Lieferung kommt zu spät.
Ich bin mir nicht sicher – ich weiss es nicht genau, ich bin mir unsicher
Ja – ich bin Ihrer Meinung, ich bin einverstanden.
Was ist High Context Kommunikation?
Ganz anders funktioniert die Kommunikation in einer High Context Kultur. Hier ist nicht nur das gesprochene Wort wichtig, sondern auch die nonverbale Kommunikation (Tonfall, Gesten, Mimik, Augenkontakt), der soziale Kontext und die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern.
In High Context Kulturen wird indirekter und „sanfter“ kommuniziert. Man vermeidet es, andere direkt zu kritisieren oder „Nein“ zu sagen. Stattdessen wird oft um den heißen Brei geredet, also etwas wager oder sanfter formuliert – zumindest aus Sicht von Menschen aus Low Context Kulturen. Der Film „Lost in translation“ sei hier empfohlen. Sie kennen den Ausdruck „er hat sein Gesicht verloren“? Dies wird besonders in High Context Kulturen vermieden. Eine Bloßstellung kann katastrophale Folgen haben.
In welchen Ländern spricht man eher zwischen den Zeilen?
Typische High Context Kulturen sind:
- Japan
- China
- Arabische Länder
- Mexiko
- Brasilien
Ein Beispiel: Wenn ein japanischer Kollege sagt „Das könnte vielleicht schwierig werden“, meint er möglicherweise „Das werden wir nicht tun“. Wer das wörtlich nimmt, versteht die eigentliche Botschaft nicht.
Der „British Softener“: Die Kunst der Zwischentöne
Besonders im britischen Englisch begegnen Ihnen oft Formulierungen, die für deutsche Ohren nach Zustimmung klingen, aber eigentlich eine höfliche Ablehnung oder Kritik darstellen. Hier sind die wichtigsten Beispiele für Ihre nächste Verhandlung:
„I hear what you say.“
-
Was ein Deutscher oft versteht: Er hat mich gehört und stimmt mir zu.
-
Was eigentlich gemeint ist: Ich bin absolut nicht Ihrer Meinung.
„With the greatest respect…“
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Was ein Deutscher oft versteht: Er bringt mir großen Respekt entgegen.
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Was eigentlich gemeint ist: Ich halte Ihren Vorschlag für grundlegend falsch.
„That’s a very brave suggestion.“
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Was ein Deutscher oft versteht: Er findet meinen Mut beeindruckend.
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Was eigentlich gemeint ist: Das ist ein völlig verrückter Plan, den wir so nicht umsetzen können.
„I’m afraid I can’t agree.“
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Was ein Deutscher oft versteht: Er hat Angst, mir zuzustimmen.
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Was eigentlich gemeint ist: Ein klares, aber extrem höflich verpacktes „Nein“.
„I only have a few minor comments.“
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Was ein Deutscher oft versteht: Es sind nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern.
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Was eigentlich gemeint ist: Das Dokument muss grundlegend überarbeitet oder neu geschrieben werden.
„Could we consider some other options?“
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Was ein Deutscher oft versteht: Wir schauen uns einfach noch Alternativen an.
-
Was eigentlich gemeint ist: Ich lehne Ihren aktuellen Vorschlag komplett ab.
Wo kommt es zum Missverständnis bei der internationalen Unternehmenskommunikation?
Folglich kann es nicht nur zwischen zwei Menschen im allgemeinen sondern auch besonders zwischen Menschen verschiedener kultureller Hintergründe schnell zu Missverständnissen kommen. Wer aus einer Low Context Kultur kommt, denkt vielleicht, dass sein asiatischer Geschäftspartner nicht ehrlich oder distanziert ist – obwohl dieser einfach nur höflich sein möchte. Umgekehrt wirkt ein Deutscher auf einen Japaner vielleicht zu direkt, ja geradezu grob.
Wie kann Kommunikation in globalen Unternehmen besser gelingen?
Deswegen ist es besonders in internationalen Teams und beim Englisch lernen wichtig, kulturelle Unterschiede in der Kommunikation zu kennen. Denn gute Kommunikation bedeutet nicht nur, die richtigen Wörter zu benutzen – sondern auch, den richtigen Ton zu treffen und das Gehörte auch richtig zu interpretieren.
Wie lernt man interkulturelle Kompetenz? Tipps und Tricks
Wenn Sie in einem internationalen Umfeld arbeiten oder Sprachen lernen, helfen diese Tipps:
- Kulturelles Selbstverständnis entwickeln (Self-Awareness)
Bevor man andere Kulturen verstehen kann, muss man die eigene kulturelle Prägung reflektieren. Denn viele Kommunikationsmuster (z. B. Direktheit, Umgang mit Zeit, Machtabstände) erscheinen uns „normal“, weil sie in unserer Kultur sozialisiert wurden – sie sind aber nicht universell. Daraus folgt: Wer seine eigenen kulturellen „Brillen“ kennt, kann besser deuten, wo Missverständnisse entstehen. So lernt man kulturelle Sensibilität. - Kultur nicht als Schublade verstehen (Cultural Frame vs. Stereotype)
Vermeiden Sie es, Kulturen als statische Kategorien zu sehen. Stattdessen gilt: Kultur ist ein dynamischer Orientierungsrahmen, der Verhalten wahrscheinlicher macht, aber es nicht determiniert. Individuen handeln nicht wegen ihrer Nationalität, sondern oft innerhalb kultureller Erwartungshorizonte. Aus diesem Grund ist ein differenzierter Blick essenziell. - Kommunikation kontextsensitiv gestalten (High vs. Low Context)
Verstehen Sie, wie viel Information verbal und wie viel nonverbal übermittelt wird. In High-Context-Kulturen ist Schweigen oft bedeutungsvoll, während in Low-Context-Kulturen Schweigen negativ bewertet werden könnte. Daher gilt je nach Kultur: Nicht der Inhalt allein entscheidet, sondern wie, wann und durch wen etwas gesagt wird. - Beziehung vor Aufgabe – oder umgekehrt?
Manche Kulturen (z. B. Lateinamerika, China) legen großen Wert auf Beziehungsorientierung, bevor sachliche Zusammenarbeit möglich ist. Also ist das Zwischenmenschliche wichtiger als die Sache. Widerum andere (z. B. Deutschland, USA) priorisieren die Aufgabenorientierung. Erfolgreiche Kommunikation berücksichtigt diese Gewichtung und passt Timing sowie Gesprächsstruktur an. Achten Sie auf die Signale des Gegenübers und beweisen Sie Anpassungsfähigkeit. - Umgang mit Hierarchie und Macht (Power Distance)
Achten Sie auf das Verhältnis zu Autoritäten. In Kulturen mit hoher Machtdistanz (z. B. Indien, Russland) sind Status und Titel relevant, Entscheidungen erfolgen oft top-down. Dahingegen wird in flachen Hierarchien (z. B. Niederlande, Australien) Mitbestimmung betont. Wer das nicht erkennt, riskiert soziale oder strukturelle Irritationen. - Zeitverständnis erkennen (Monochron vs. Polychron)
Zeit wird kulturell unterschiedlich wahrgenommen: In monochronen Kulturen (z. B. Deutschland, Schweiz) zählt Pünktlichkeit und Planung. Im Gegensatz dazu ist in polychronen Kulturen (z. B. Afrika, arabischer Raum) Zeit flexibler, mehrere Dinge geschehen parallel, Beziehungen gehen oft vor Deadlines. Kommunikationspläne müssen das berücksichtigen. - Toleranz für Ambiguität entwickeln (Ambiguity Tolerance)
Interkulturelle Kommunikation ist oft nicht eindeutig. Unterschiedliche Erwartungen, Sprachbarrieren und implizite Normen führen zu Unsicherheit. Profis behalten Ruhe, fragen nach, paraphrasieren und gehen wertschätzend mit Mehrdeutigkeit um. Insofern ist Ambiguitätstoleranz eine Schlüsselkompetenz. - Fachwissen mit interkultureller Kompetenz kombinieren
Technische oder sprachliche Kompetenz allein reicht nicht. Stattdessen entscheidet in globalen Teams oder internationalen Projekten auch kulturelles Verständnis oft über den Erfolg. Daher sollten Führungskräfte und Fachpersonen interkulturelle Trainings nutzen, um ihre Wirkung im globalen Kontext zu reflektieren und zu stärken.
Experten im Englischtraining schulen auch interkulturelle Kompetenz
Als Gründerin des Rhine Valley Institute in Mainz bringt Nicole Tomberg über 20 Jahre Erfahrung als Englischtrainerin und zertifizierter Business Coach (ICF) in den Englischunterricht ein. Mit ihrer Doppelqualifikation als Expertin für Business English und Assistant Sommelier (IHK) schließt sie die Lücke zwischen reiner Sprachkompetenz und echtem kulturellen Verständnis. Nicole unterstützt Fach- und Führungskräfte und alle Menschen im Beruf dabei, nicht nur die richtigen Worte zu finden, sondern auch die Zwischentöne der internationalen Kommunikation zu meistern – empathisch, praxisnah und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl für globale Geschäftsbeziehungen.
FAQ: Interkulturelle Kommunikation & Business English
„Warum versteht mein Gegenüber mich nicht, obwohl mein Englisch grammatikalisch korrekt ist?“
Sprache ist nur die halbe Miete. Oft liegt es an unterschiedlichen Kommunikationsstilen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Während wir in Deutschland sehr direkt („Low Context“) kommunizieren, verlassen sich viele andere Kulturen auf Nuancen und das, was zwischen den Zeilen steht („High Context“). Ein grammatikalisch korrekter Satz kann so ungewollt unhöflich oder zu fordernd wirken.
„Was sind die schlimmsten Fettnäpfchen bei Verhandlungen auf Englisch?“
Das größte Risiko ist die Annahme, dass „Ja“ immer „Zustimmung“ bedeutet. In vielen Kulturen ist ein „Yes“ lediglich ein Zeichen dafür, dass man dich akustisch verstanden hat, nicht dass man dem Deal zustimmt. Auch Small Talk wird oft unterschätzt – er ist in vielen Ländern das Fundament für das Vertrauen, bevor überhaupt über Geschäfte gesprochen wird.
„Wie sage ich höflich ‚Nein‘, ohne die Geschäftsbeziehung zu gefährden?“
Im Englischen ist ein direktes „No“ oft ein ziemlicher Schlag vor den Kopf. Die Engländer z.B. lieben die indirekte Kommunikation. Daher nutzen sie stattdessen Weichmacher wie „I’m afraid that’s not possible at the moment“ oder „I see your point, however…“. Interkulturelle Kompetenz bedeutet zu wissen, wie man Grenzen setzt, ohne die Brücken hinter sich abzureißen. Es bedeutet auch, zwischen den Zeilen zu lesen. Mimik und Körperhaltung sind wichtig, können uns aber auch hinters Licht führen.
„Muss ich den Akzent der Muttersprachler perfekt imitieren?“
Absolut nicht! In unserer globalisierten Welt ist Verständlichkeit (Intelligibility) viel wichtiger als ein perfekter Oxford-Akzent. Viel entscheidender ist, dass du die kulturellen Codes kennst und souverän auftrittst. Ein authentischer Akzent mit hoher interkultureller Kompetenz wirkt oft professioneller als perfektes Englisch ohne Gespür für das Gegenüber.
Fazit: Interkulturelle Kommunikation in globalen Unternehmen kann funktionieren
Effektive Kommunikation multinational ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von bewusster Reflexion, kontinuierlichem Lernen und situativer Anpassung. Das erfordert Neugier, Empathie und die Fähigkeit, das Eigene loszulassen, ohne es zu verlieren. Interkulturelle Sensibilität in einer globalisierten Welt gegenüber Menschen aus anderen Kulturen ermöglicht die respektvolle Interaktion zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen. Und Grundvoraussetzung dafür ist, die eigene Kultur zu reflektieren.
Wer das beherrscht, wird nicht nur besser verstanden – sondern auch als vertrauenswürdiger, professioneller und kooperativer wahrgenommen. Wir sind alle kulturell geprägt, aber wir besitzen auch die Fähigkeit, unsere Kommunikationsfähigkeiten immer wieder zu erweitern.
High Context oder Low Context – das eine ist nicht besser als der andere, aber sie funktionieren unterschiedlich. Wenn Sie diese Unterschiede kennen und respektieren, werden Sie in der internationalen Kommunikation erfolgreicher sein und Missverständnisse zu vermeiden. Dieser Artikel bezieht sich auf dieses Buch.
Sie sind dabei, eine Fremdsprache zu lernen – dann achten Sie darauf, auch etwas über die Kultur dieses Landes zu erfahren, um die interkulturelle Kompetenz und damit Verständigung zu verbessern. Wir von meiner Sprachschule haben allesamt schon einiges an interkulturellen Erfahrungen gesammelt und geben das gerne weiter. Wir möchten Sie gerne kostenlos zu einer Schulung beraten:

